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16.11.2019, 15:53 Uhr
„Das ist eine politische Frage!“ – „Fakten spielen also keine Rolle?“

Der Schulelternrat der IGS Bramsche hatte zu einer Podiumsdiskussion am 12.11.2019 eingeladen, mit der der Forderung betroffener Eltern und Schüler nach Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe an der IGS Nachdruck verliehen werden sollte.

Das Podium war entsprechend einseitig besetzt. Neben Edzard Dirks, dem Schulelternratsvorsitzenden der IGS Bramsche, waren der Vorsitzende der „GGG“, Verband der Gesamtschullobby, aus Braunschweig, Kreistagsmitglieder der Linken, Grünen und SPD sowie Bramsches Bürgermeister Heiner Pahlmann (SPD) eindeutig „Pro Oberstufe“ zuzuordnen. Auch Moderator Frank Vornholt (Melle/Berlin) hatte sich als Landratskandidat ganz eindeutig in diesem Sinne positioniert. Abweichende Positionen vertraten die Kreistagsmitglieder der CDU und CDW/FDP. Für den Verwaltungsvorstand des Landkreises Osnabrück, Schulträger der IGS und des Greselius-Gymnasiums, kam Matthias Selle zu Wort. Das Gymnasium war dagegen auf dem Podium nicht vertreten, „schließlich gehe es um die Sache der IGS“ (Edzard Dirks, SER).

 

Fragen aus dem Publikum mussten schriftlich abgegeben werden. Nach einer Vorsortierung kamen (bei großzügiger Zählung) fünf relativ allgemeine und damit belanglose Anfragen zum Zuge. Dafür gab es aber einen Auftritt von Landrätin Anna Kebschull zum Abschluss der von Befürwortern und Gegnern sehr gut besuchten Veranstaltung. Sozusagen als „Special guest“ trat sie – wie schon zu Beginn angekündigt, also keineswegs spontan – aus den Zuhörerreihen auf das Podium. Ohne an der vorherigen Diskussion teilgenommen zu haben, gab sie ein wortreiches Statement ab. Wer aufmerksam folgte, hörte dann letztlich doch endlich ihr Votum „Pro Oberstufe“ heraus. (Große und dankbare Erleichterung beim Veranstalter!)

Anna Kebschull zeigte aber dem Gymnasium zugleich freundlich die Perspektive auf, sich doch nach der - von ihr gewünschten - politischen Entscheidung des Kreistages „Pro IGS-Oberstufe“ auch neu zu erfinden. Sie habe da gute Ideen zur Profilierung. Zu den aufwändig ermittelten Fakten, die zuvor ihr eigener Verwaltungsvorstand (!) auf dem Podium vorgetragenen hatte, äußerte sich die neue Landrätin lapidar: „Über die Zahlen müssen wir aber noch einmal reden! Da gibt es seit heute ganz neue Zahlen!“ (Was sollte das denn?)

Die Diskussion als solche lässt sich im Kern erstaunlich kurz zusammenfassen. Die Unterstützer der Elterninitiative „Pro Oberstufe“ an der Gesamtschule behaupteten fast wortgleich, jede IGS müsse eine Oberstufe haben, das sei schließlich der Wille aller Eltern und Schüler und eine Frage der Gerechtigkeit. Auch der Zeitgeist spreche dafür. Die Gegenseite wies schlicht darauf hin, dass es („leider“) für den IGS-Standort Bramsche zahlenmäßig deutlich zu wenig Schüler gebe, die dort eine eigene gymnasiale Oberstufe besuchen würden. Mit Blick auf die Gleichbehandlung aller kommunalen Antragsteller seien die rechtlichen Vorgaben für die Errichtung einer zweiten gymnasialen Oberstufe in Bramsche (an jeder der beiden Oberstufen für die kommenden zehn Jahre prognostiziert mindestens 54 Schüler pro Jahrgang) nicht erfüllt.

Am Rande war erstaunlich, dass auf dem Podium einer Veranstaltung, die unter dem Motto „Chancengleichheit und Gerechtigkeit“ stand, viele schulrechtliche und schulfachliche Argumente mehrheitlich schlicht ausgeblendet oder diskreditiert wurden. So wischte SPD-Mann Thomas Rehme die bereits im Sommer 2018 schriftlich geschlossene Kooperation zwischen IGS und Gymnasium mit der Bemerkung vom Tisch, diese Kooperation sei das Papier nicht wert, auf dem sie stehe. Damals kooperierte die SPD noch mit der CDU/FDP/CDW-Gruppe im Kreistag!

Und GGG-Vorsitzender Andreas Meisner war sich nicht zu schade, den falschen Eindruck zu erwecken, es gebe keine Gymnasien ohne Oberstufe. Das Gymnasium Werlte in relativer Nachbarschaft ist nur ein Gegenbeispiel. Mit ca. 565 Schülern ist diese Schule ebenso groß, wie die IGS Bramsche voraussichtlich sein wird, wenn sie im kommenden Schuljahr bis zum 10. Jahrgang durchgewachsen ist. Und das Gymnasium Werlte hat eben keine Oberstufe, weil selbst an einem Sek.-I-Gymnasium diese Schülerzahlen nicht ausreichen!

Nach dem Ende der zeitlich strikt terminierten Veranstaltung, vielleicht wäre es doch fair gewesen, ein paar Fragen mehr zuzulassen, fanden sich noch kleine Diskussionsgruppen zusammen. Viele Informationen hörte man angeblich zum ersten Mal. So scheint es auch weiterhin fast unmöglich, die Tatsache zu vermitteln, dass gymnasiale Oberstufen an Gymnasien und Gesamtschulen nach völlig identischen gesetzlichen und untergesetzlichen Regelungen arbeiten. Und das gilt eben nicht nur für organisatorische, sondern auch für inhaltliche und methodische Vorgaben.

Dass es häufig auch von der jeweiligen Lehrkraft anhängt, wie diese Bestimmungen im Unterricht umgesetzt werden, ist dabei völlig unstrittig. Eine an die Oberstufe des Greselius-Gymnasiums abgeordnete Lehrkraft der IGS könnte aber im Rahmen der Verordnungen und Kerncurricula im benachbarten Sekundarbereich II (11bis 13) ganz genauso unterrichten wie an einer „eigenen“ Oberstufe. Und eine solche Kooperation soll es doch geben – ebenso wie ein professionelles „Übergangsmanagement“!

Als Mirco Bredenförder, CDU-Kreistagsmitglied und stellvertretender Landrat, mehr in einer Nebenbemerkung auf hohe Studienabbrecherquoten hinwies und statistisch nachgewiesene Tatsachen zum Studienerfolg erwähnte, gingen die Wogen der Empörung in Teilen des Publikums vorübergehend hoch. „Zahlen, Daten, Fakten“ – das scheint für viele ein Problem! Und so muss z. B. das Totschlagargument, auch an Gesamtschulen gebe es schließlich das Zentralabitur, zur Diskussion gestellt werden. Die Ergebnisse der zentral gestellten schriftlichen Abiturarbeiten („das Zentralabitur“) machen nämlich nur einen Bruchteil von unter 20% der Abiturnote aus. Und zentral korrigiert werden diese Arbeiten auch nicht.

Eine gymnasiale Oberstufe an Gesamtschulen kann und soll es unbedingt geben, wenn es mittel- und langfristig genügend Schüler gibt, die sich dafür entscheiden! Das ist am Standort Bramsche aber ganz offensichtlich nicht der Fall.

Wie falsch (oder sagen wir in wohlwollender Rückschau höflich: viel zu optimistisch) prognostizierte Schülerzahlen „funktionieren“, ergibt sich aus der folgenden Gegenüberstellung von prognostizierten und Ist-Zahlen aufgrund der Elternbefragung im Jahre 2014 zur Errichtung einer IGS im Sekundarbereich I in Bramsche.

 

Prognose für den derzeitigen             Tatsächliche Schülerzahl (30.8.2019)

Jahrgang 9                       176               104

Jahrgang 8                       197                 93

Jahrgang 7                       164                 85

Jahrgang 6                       164               111

Jahrgang 5        weit über   96                 74.

 

Aufgrund dieser Prognose (!) in der Beschlussvorlage der Landkreisverwaltung wurde die IGS Bramsche im Sekundarbereich I durch fast einstimmigen Beschluss des Kreistages und anschließender Genehmigung durch die Landesschulbehörde, die im Übrigen im Verwaltungshandeln de facto an die Zahlen des kommunalen Schulträgers gebunden ist, beantragt und schließlich errichtet. Im Nachhinein ist festzustellen, dass die 2014 für die kommenden zehn Jahre zu Grunde gelegte Mindestschülerzahl (96) bisher in mehreren Jahrgängen nicht erreicht wurde. Wäre also der damalige Antrag mit Angabe der tatsächlichen Schülerzahlen gestellt worden, hätte die IGS nicht genehmigt werden können. Das ist gar nicht polemisch gemeint, selbstverständlich ist der Bestandsschutz gewährleistet. Und das wäre auch bei einer tatsächlichen „Mini-Oberstufe“ so, wenn sie zuvor einmal errichtet worden ist.

Errichtete also der Landkreis Osnabrück zum Schuljahr 2021/2022 eine zweite gymnasiale Oberstufe in Bramsche an der IGS und meldeten sich dort nur relativ wenig Schüler an, wäre das selbst bei erstmaligem Erreichen der Mindestzahl (54) für das Kursangebot und die damit verbundenen Wahlmöglichkeiten sehr problematisch. Und das bliebe erst recht so, wenn zunächst in die Oberstufe eingetretene Schüler anschließend die Schule vor der Abiturprüfung (vielleicht sogar nach erfolgreichem Erwerb des schulischen Teils der Fachhochschulreife) verließen, was z. B. an jedem Gymnasium und an jeder Gesamtschule in Niedersachsen passiert. Die Errichtung der gymnasialen Oberstufe aber ist von Dauer! Der Landkreis Osnabrück liefe Gefahr, seine Schulentwicklung völlig am Bedarf vorbei zu planen, im konkreten Fall zu Lasten der benachbarten Schulen im Sekundarbereich I und II.

Die in der Podiumsdiskussion erwähnte maximal angenommene Übergangsquote von 66% bezieht sich im Übrigen auf einen gesamten Schülerjahrgang, nicht gleichermaßen auf die Jahrgangsstärken in jeweils einzelnen Haupt-, Real-, Ober- und Gesamtschulen sowie Gymnasien. Wenn im derzeitigen Jahrgang 5 der IGS (74 Schüler) aber mindestens 54 in die gymnasiale Oberstufe sollen, sind das bei der sehr heterogenen Schülerschaft dieser Schulform fast 73%. Der Anteil der gymnasial empfohlenen Schüler, als es diese Empfehlung noch schriftlich am Ende der Grundschulzeit gab, lag im derzeitigen Jahrgang 9 an der IGS Bramsche bei deutlich unter 10%. Diese Zahlen sprechen für sich!

Auch 2014 schon war von den Befürwortern einer IGS in Bramsche hoffnungsfroh von einer „Sogwirkung“ (z. B. auf Schüler aus Nachbargemeinden und sogar aus dem ganzen Nordkreis), einer deutlichen Verringerung der „Abwanderung“ nach der Stadt Osnabrück und Nordrhein-Westfalen sowie einer enormen Ersparnis beim Schülertransport die Rede. All diese Argumente – damals auch in der CDU-Kreistagsfraktion vorgetragen – haben sich nicht bewahrheitet, wurden aber nun gebetsmühlenartig von interessierter Seite in Pressemitteilungen und auch auf dem Podium erneut vorgetragen, um die Prognosezahlen für eine zweite gymnasiale Oberstufe in Bramsche „hochzurechnen“. Das war intellektuell unredlich! Wie formulierte doch Lars Büttner (Die Linke) so sinnreich auf dem Podium: „Es geht nicht um Zahlen, sondern um eine politische Entscheidung.“ Mag der Steuerzahler hinzufügen: „Koste es, was es wolle!“

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